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Halbtot

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Halbtot | story.one

Kann man halbtot sein? Ja kann man, laut Duden bedeutet es, dass man beinahe tot war und das trifft es schon ziemlich gut, wie ich finde. Ich entdecke also heute beim Staubsaugen diese Fliege auf dem Boden. “Wenn sie lebt, fliegt sie weg, wenn sie tot ist, wird sie eingesaugt.", denke ich mir.

Sie sieht nicht tot aus, fliegt aber nicht weg, sie bewegt sich genaugenommen in keinster Weise. Trotzdem stoppe ich, drehe den Staubsauger ab und beuge mich hinunter zu dem kleinen Wesen. Da! Die Beine bewegen sich, sie lebt noch! “Gottseidank, habe ich sie nicht eingesaugt.”, sage ich erleichtert zu mir selbst. Nun, da sie nicht wegfliegt, hier kann sie nicht bleiben, es muss eine Lösung her. Ich halte ihr meinen Zeigefinger hin und bemerke, wie sie versucht an mir hoch zu krabbeln. Ich muss ihr etwas helfen, sie ist wirklich schwach.

Da ist sie nun auf meinem Finger, ich denke sie liegt (bzw. sitzt) im Sterben. Ich ĂŒberlege, was ich jetzt mit ihr tun könnte. Ich meine, was könnte ihr letzter Wille sein? WĂ€ren meine letzen Fliegenminuten angebrochen, wie wĂŒrde ich sie verbringen wollen? Wie kann ich dieses kleine Ding auf ihrem Sterbeweg begleiten? Ihr vielleicht noch eine letzte Freude bereiten?

Ich gehe in die KĂŒche und hole den leeren Marmeladedeckel, vielleicht freut sie sich ja ĂŒber etwas SĂŒĂŸes? Sie will nicht hinunter von meinem Finger, nicht mal der Marmeladeduft Ă€ndert daran etwas, aber mit meiner Hilfe nimmt sie ein Wenig von der Marmelade. Na ja der megamĂ€ĂŸige Schmaus ist das nicht gerade, sie muss wohl schon zu schwach zum Essen sein. Ich denke weiter ĂŒber sie nach. Ob sie wohl ihr Fliegenleben genossen hat? Wie lange es gedauert hat? Wie lange leben denn Stubenfliegen? Mehr als einige Wochen wohl nicht, die muss man schon genießen, denke ich mir. Hoffentlich hat sie jeden Moment ausgekostet.

Die meisten ihrer Freunde erleben wohl nicht einmal ein paar Wochen. Ich hatte vor einigen Tagen meinen Vater zu Besuch, der es nicht glauben konnte, dass ich keine Fliegenklatsche besitze. Noch unverstÀndlicher fand er, dass ich auch keine Zeitung oder sonst etwas verwende, um sie zu töten, sondern sie einfach am Leben lasse.

“Papa, wie du weißt, ich esse keine Tiere, ich möchte nicht, dass sie getötet werden. Warum sollte ich nun eine Fliege töten, wĂ€re das nicht widersprĂŒchlich, doppelmoralisch?”

“Ja, ich weiß schon, du mit deinem Vegan, du weißt aber schon, dass das sehr ungesund ist?” Ich lĂ€chle, ich muss nichts sagen, er macht sich halt einfach Sorgen, auf seine Art und Weise. Er möchte dann noch wissen, wie ich das mit den Gelsen mache usw. Als ich ihm sage, dass ich nicht mal einen Silberfisch töten wĂŒrde, gibt er auf.

Aber ganz ehrlich, wo liegt der Unterschied? Lebewesen ist Lebewesen, oder?

Apropos Lebewesen, was mache ich jetzt mit der Fliege auf meiner Hand? Als ich sie auf eine Pflanze setzen möchte, startet sie einfach los und fliegt davon!

Wow, war das ein KrÀfteschub von der Marmelade? Ich werde es nicht erfahren und es ist auch ganz egal :-).

© Ulrima 2021-05-26

Vegan Stories

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