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#trinken#kater#sündigen

Sündige Jugend

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Sündige Jugend | story.one

Druck ist Kraft auf Fläche, dröhnt es plötzlich aus dem Radio, worauf ich gezwungen werde, meine festgeklebten Augen zu öffnen. Ich sitze am Küchentisch und sinniere nun, ob so eine Definition auf meine Person eigentlich zutrifft. Druck ist da, machen wir uns nichts vor, lieber Voyeur, das verraten schon die zerbrochenen, herumliegenden Bierflaschen, doch passt Fläche als Definition zu dem, was sich gerade in meinem Kopf abspielt? Wie auf einem Schlachtfeld, über Längen und Breiten hinweg, liegen tote Zellen herum, die langsam verwesen und somit chemische Substanzen ausstoßen, die mich auf vieldimensionaler Art und Weise langsam zu quälen beginnen.

Trocken schmeckt mein Gaumen, weil ich sicherlich Staub gefrühstückt habe, doch Ekel spüre ich erst, nachdem ich auf meinen Kaffeelöffel schaue und dabei merke, wie sich eine zu schwache braune Flüssigkeit dort festgesetzt hat. Durch einen senkrechten Angriff meinerseits fällt die Flüssigkeit hilflos zu Boden, wobei als Kollateralschaden einen mit trockenem Kaffee gebrandmarkter Kaffeelöffel übrigbleibt, an dem man leider nicht die Zukunft ablesen kann. Kaffeesatzlesen, dafür ist zumindest das Volumen einer Teetasse erforderlich, klingelt es wieder ungefragt aus dem Radio, wodurch ich mich genötigt fühle, aufzustehen.

Durch das Anspannen meiner Muskeln kommt Bewegung in einem sonst statisch wirkenden Raum. Von der Aerodynamik getrieben, springen Geruchspartikel, die zuvor auf meinen Kleidern herumgebrütet haben, in meine Nasenlöcher hinein. Nur anhand einer saftigen Birne kann solch ein Aschenbecherfest verbannt werden, denke ich mir, und inspiziere meine schmutzige Küche. Tatsächlich, mein Erinnerungsvermögen hat gestrigen Abend überlebt, denn da scheint grünlich gesund eine Birne wie die Urquelle des Lebens. Vom Mundspeichel getrieben, greife ich animalisch danach, unwissend, dass die Birne eine schimmelnde Schattenseite hat, die sich unter meinen ungepflegten Fingernägeln festsetzt.

Da Bakterien keine Zuneigung bedürfen, um sich zu vermehren, höre ich fast schon, wie, von einer Atmosphäre aus Horn geschützt, sich hastiges Leben grauenvoll bei mir fortentwickelt. Da mein Kopf nun auch zum Jucken anfängt, eile ich ins Badezimmer, muss aber mit Grauen erblicken, wie eine bräunliche Flüssigkeit in meinem Waschbecken wütet. Für einen Augenblick bleibe ich fixiert stehen, und Einsehen wäre eingekehrt, wenn es an der Tür nicht geklingelt hätte. Die klebrige Gegensprechanlage aufhebend, fragt mein Kumpan ungeduldig, ob ich schon startklar wäre, wodurch ich schlagartig vom Jenseits ins Diesseits zurückgeschleudert werde.

Die Abendnachrichten tönen aus der Küche, während ich mich dusche und frisch anziehe. Wie neu getauft, werde ich nicht gewahr beim Vorbeigehen, wie ich im Zerrspiegel ausschaue. Ist auch zweitrangig, denn Voluptas geleitet mich schon hinaus. Mit Charon werde ich halt später verhandeln müssen.

© Tristi 2021-10-13

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