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#psychischkrank#zuggeschichten#mentalhealth

Ein Rucksack voller psychischer Probleme

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Ein Rucksack voller psychischer Probleme | story.one

Ich vergleiche meine psychische Erkrankung gern mit einem Gewicht. Bei meinem ersten psychotischen Schub fiel dieses Gewicht ohne Vorwarnung auf meinen Kopf. Ich lag am Boden, wusste nicht, was passiert war und warum mein Denken und FĂŒhlen plötzlich so anders waren. Mit Hilfe von Therapeut*innen, Medikamenten, meinen Freund*innen und meiner Familie fand ich einen Rucksack, in dem das Gewicht Platz fand. So trage ich den Rucksack durchs Leben, er ist immer da. An vielen Tagen fĂ€llt er mir gar nicht mehr auf. Aber dann gibt es wieder Tage, an denen mich negative Erinnerungen ĂŒberfluten, wenn ich beispielsweise im Zug unterwegs bin und meine Gedanken schweifen lasse.

Es sind Erinnerungen aus der Kindheit, vom Verlassen-sein, vom Zuviel-sein und vom Hilflos-sein. Danach spielt sich spontan ein Film vor meinem inneren Auge ab. Eine Szene aus dem ersten psychotischen Schub: Es ist Winter und ich fahre meiner besorgten und alarmierten Familie mit dem Auto davon. Ich bin völlig verwirrt und definitiv nicht mehr fÀhig das Auto zu lenken.

"Was hĂ€tte da alles passieren können?" tönt es aus der Seitentasche meines Rucksacks. Ich verziehe das Gesicht und versuche mich in die RealitĂ€t zurĂŒckzubringen. Einatmen und ausatmen. Doch die nĂ€chste Welle von GefĂŒhlen und Erinnerungen ist schon unterwegs. Diesmal eine Szene aus dem dritten Schub: Ich sitze in der Psychiatrie fest und beschimpfe eine Freundin ĂŒber das Telefon. Sie hatte den Amtsarzt gerufen und mich in die Klinik einweisen lassen. An diesem Tag bin ich aber noch nicht klar und kann die Notwendigkeit ihrer Tat nicht erkennnen. Schuld- und SchamgefĂŒhle breiten sich in meinem Körper aus.

“Es ist vorbei”, denke ich jetzt. Doch der Gedanke geht im Sturm der Erinnerungen unter. Also flĂŒstere ich mir selbst beruhigende Affirmationen zu. Ich sitze noch immer im Zug. Eine junge Frau gegenĂŒber von mir schaut mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Irritation an. Ich drĂŒcke meine FingernĂ€gel in die HandflĂ€che und versuche gelassen und normal aus dem Fenster zu blicken. “Was denkt diese Frau wohl ĂŒber mich?”, schießt der nĂ€chste Gedanke in meinen Kopf. Könnte sie doch nur meinen Rucksack sehen, dessen Inhalt verstreut auf meinem Schoß liegt. Vielleicht wĂŒrde sie dann verstehen, mit was ich in diesem Moment kĂ€mpfe und warum ich mich so seltsam verhalte. Es ist unertrĂ€glich in diesem Zugabteil. Mir ist heiß und ich beschließe mir einen anderen Sitzplatz zu suchen, wo ich alleine bin. Die restliche Zugfahrt verbringe ich damit, in meinem Rucksack zu wĂŒhlen, ihn wieder zu ordnen und so auch die letzten Erinnerungen und Gedanken zu verstauen. Endlich bin ich in meiner Station angekommen. Ich schultere das Gewicht und verlasse den Zug. Bald treffe ich eine Freundin, die mich sicher von dieser Schwere auf meinem RĂŒcken ablenken wird. “Morgen wird es wieder leichter gehen!", versichert mir eine Stimme in meinen Kopf und ich beschließe ihr zu glauben.

© Rafaela 2021-10-13

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