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Das Kreuz mit den Kreuzen

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Das Kreuz mit den Kreuzen | story.one

Ich nehme ein Kreuz des Südens in meine rechte Hand. Das Silber glänzt im Sonnenlicht. Mit der linken Hand fahre ich über die Gravuren. Sie sind perfekt, jede Kerbe sitzt an der richtigen Stelle. Vorsichtig lege ich den Anhänger in die Schachtel zu meiner Linken.

Ich hebe den Blick. Ein Stück vor mir liegt die Kennedybrücke. Auf ihr schreiten Lastkamele. Mit wippendem Gang bringen sie Brennholz auf die andere Seite des Niger. Unterhalb der Brücke stehen Fischer in ihren Booten und werfen mit weitem Schwung Netze aus. Die Netze blähen sich auf, stehen kurz in der Luft und sinken dann in die bräunlich-blauen Fluten des Niger.

„Schau, da haben wir wieder so ein seltsames Exemplar“, meint mein Kollege Winnie und reicht mir ein Schmuckstück.

„Stimmt“, meine ich und betaste das Handtellergroße Kreuz von Zinder, bei dem die Gravuren wild durcheinanderlaufen. Ich lege den Anhänger in den Korb zu meiner Rechten.

„Wir haben zu viel Ausschuss“, seufzt Winnie. „Wir müssen mit den Schmieden reden“.

Ein paar Tage später treffen wir uns mit den Silberschmieden in einem Zelt in Gamkalley. Der Duft von Holzkohle und Minze liegt in der Luft. Erst als zwei Gläser des belebenden Tuareg-Tees getrunken sind, beginnt die Versammlung.

Nach den Grußworten des Präsidenten erhalten wir das Wort. Wortgewaltig fasse ich zusammen, wie gut die Vorbereitungen zum Export des Silberschmucks bereits gediehen sind. Zum Beleg lege ich einige der schönsten Stücke vor mir auf einer Matte aus.

Dann kommen wir zum schwierigen Teil.

„Leider sind nicht alle so gut gefertigt“, meint Winnie und zeigt einige der schlecht gearbeiteten Kreuze des Südens. „Mit dieser Qualität haben wir keine Chance“, fügt er hinzu und schüttelt bedauernd den Kopf.

Im Hintergrund erklingt Tuscheln. Auf Tamascheq machen Bemerkungen die Runde. Aber so sehr wir uns auch bemühen – die Gründe für die starken Qualitätsschwankungen erfahren wir nicht.

Bis zum Ende der Versammlung, als Rhissa mich zur Seite nimmt.

„Es sind die Schmuckstücke von Hamid, unserem Präsidenten. Er sieht nicht mehr gut. Aber wenn wir was sagen würden…“, flüstert er und lässt den Satz unvollendet.

Ich nicke. Klar, das ist nachvollziehbar. In den streng hierarchisch organisierten Tuareg-Clans darf ein junger Schmied nicht die Arbeit des Ältesten kritisieren. Aber wir entwickeln einen Plan.

Von einem Arzt erhalten wir einige gebrauchte Brillen. Als wir Hamid beim nächsten Treffen eine Hornbrille mit ordentlich Dioptrien reichen, verzieht er zunächst das Gesicht. Stolz und mit fast schon verächtlicher Miene setzt er sie auf.

Aber dann weiten sich seine Augen. Er hebt seine Hände und schaut sie an. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, und wird breiter und breiter...

Die Exportkomponente wurde nach der Senkung der Ausschussquote ein voller Erfolg. Aber das schönste bleibt dieses Lächeln, das das Tuareg-Zelt wie ein Licht erhellte.

© Paul Wolterstorff 2021-03-07

ReisenAfrika

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