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#baumsterben#protest#wutimbauch

Baummassaker Rage

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Baummassaker Rage | story.one

Die Äste der Tanne sind zum Greifen nah. „Keep cool“, flüstern sie im Sommer. „Wird wieder“, meinen sie im Winter und schenken immergrünen Trost. Vom Bett aus bestaune ich dösig die haushohe Ruhe. Eichhörnchen huschen über die Äste, Amseln schmettern Hymnen in den Morgenhimmel.

Ich stehe auf und gehe zum Schreibtisch. Morgenfinger krallen sich ungelenk an der Kaffeetasse fest, Wiederbelebungswolken tänzeln in meiner Nase. Vor meinem Fenster steht eine Birke. „Nimm die Arbeit nicht so ernst“, meint sie, ihre Blätter tanzen für mich. Als die Morgensonne den Baum erreicht, verwandelt er sich in flimmernden Silberregen, die Baumkrone swingt im Wind.

„Hier gibts Neuigkeiten“, meldet mein Handy ein paar Wochen später im Urlaub. „Eine Tanne und eine Birke weniger. Der neue Nachbar hat sie gefällt“. Nach meiner Rückkehr springen die schwarzen Lettern aus den SMS-Kästchen und werden Wirklichkeit. Totenstümpfe klagen hinter dem Zaun zum Nachbargrundstück. Statt meiner Birke sehe ich nun ein Wohnmobil. Wo die Tanne stand, schweigen mich Fenster im Quadrat an. In mir brodelt es. „Und Action“, schreit mein Wutregisseur.

Über den Zaun hinweg vermesse ich die Baumstümpfe, der Zaun pikst in meinen Bauch, in Protestyogahaltung krümmt sich mein Körper dem Baumstumpf entgegen: „Klick! Klick!“, macht die Kamera. Es naht: Der Nachbar. Es brüllt: Der Paul. „How can you dare?“, fragte Greta Thunberg, meine Seelenschwester. Ich übersetze es ins Deutsche, Wortkaskaden prasseln auf mein Gegenüber ein.

Weiter.

Telefonhörer hoch, tipp tipp tipp, das Gartenbauamt meldet sich. Vorgang geschildert, Fotos rübergebeamt, Verfahren eingeleitet.

Weiter.

Mein Baumblues erklingt im Reformhaus. Die sind bio, das interessiert die bestimmt. Die Verkäuferin schaut mich verdutzt an. Vegan geschminkte Augenlider klappen auf und zu. „Also, ich weiß jetzt auch nicht...“, meint sie. „Alles klar“, lenke ich ein, war wohl der falsche Ort.

Weiter.

Drauf aufs Fahrrad; mit Adrenalinantrieb gehts zum Umweltbüro, Schweißtropfen begleiten meinen Kurzvortrag. „Öhm, weiß nicht, ob wir da was haben“, meint der Retro-Grüne und schlurft zum Büchertisch. Egal, weiter, ich rase zur Buchhandlung und zu den Grünen, zu Friday for Future und zur Uni. In SMS und Mails texte ich Gott und die Welt zu.

Letzte Station: Tibethaus. Es wallt rot-orange, ich steuere auf den mit Blüten garnierten Obermönch zu. „Can I ask you something, Sir?“, schieße ich los und schildere das Baummassaker. „Sie müssen ihren inneren Buddha finden, dann werden Lösungen erscheinen“, meint er.

„Oh? Okay! Thanks!“. Mit Grüntee geht's runter in den Garten. Neben meinem Tisch steht eine Buddhaskulptur. Die Zeit perlt am aristokratischen Nasenrücken ab, das 360- Gradlächeln schließt alles ein.

„Sprich!“, fordere ich Buddhi auf. Aber Buddhi schweigt. Die Blumen blühen unverschämt rot, meine Füße scharren im Frühherbstlaub.

„HOW CAN YOU DARE?“, brüllt Greta in mir.

© Paul Wolterstorff 2021-10-13

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