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#tod#musik#herzschmerz

Carry you home

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Carry you home | story.one

Ob ich heut mal eher ins Bett gehe? Mitternacht. Ach, nochmal die Nachrichten hören. Man muss ja auf Stand sein, falls die Zombieapokalypse morgen losbricht. Blah! Blah! Blah! “Alexa, spiel mir einen Song.”, sag ich. Und sie dudelt los. James Blunt “Carry You Home”. Während Jimbo mit seiner weinerlichen Säuselstimme meinen Hintergrund erfüllt, werkle ich am PC. Noch ein wenig Feinschliff im anderen Blog. “Noch immer keine Geschichte für den ganz neuen Blog geschrieben, du fauler Sack!”, murre ich. Dabei hab ich den Kopf übervoll mit erotischen Geschichten, die dort ausschließliches Thema sein sollen.

“As strong as you were. Tender you got. I'm watching you breathing for the last time.”Mehr als die paar Worte, die mein Unterbewusstsein aufschnappt und mir wüst in die Synapsen prügelt, wo sie zu einem Bild werden, braucht es nicht. Ich lehn mich in meinem Stuhl zurück. Und ich denke an diesen Tag vor nunmehr schon sechs Monaten, als ich wie ein Fremder, wie ein Aussätziger, der nicht gesehen werden darf, ganz alleine und nach allen anderen hinter ihrem Sarg hergegangen bin und ihr, hinter dem Grabstein fernab, nachgeblickt habe, wie sie langsam in der Kiste für immer aus meinem Blick verschwand. “Gott! Sechs Monate schon.”, flüstere ich. “But when it is quiet. I know what it means. And i'll carry you home.”

An diesem Morgen, an jenem Tag im April, hätt ich mir nie träumen lassen, dass ich Stunden später meinen schwersten Gang gehen würde. Am Nachmittag wollt ich sie besuchen, wo sie schlief, zu den Fenstern sehen, mit ihr sprechen und ihr wie so oft sagen, dass ich sie lieb hab und sie vermisse. Im felsenfesten Glauben, irgendwie würd ich doch noch zu ihr kommen, und ich würd sie sehen, sie berühren, sie aus dem Koma aufwecken. “I'll carry you home.”, flüstere ich den Refrain mit, tonlos, weil meine Stimme, tränenvoll erstickt, nur ein Hauchen ist.

Stattdessen stand ich vor ihrem Grab, mit meinen Blumen in der Hand, unfähig, mich zu bewegen, nicht in der Lage zu begreifen, dass sie für immer gegangen war. Ein halbes Jahr schon, und ich fühl mich immer noch so schuldig, dass ich sie hab sterben lassen, weil ich sie da nicht rausgeholt hab, weil ich sie nicht aufgeweckt hab, weil die letzten paar Meter zu ihr für mich unüberwindbar waren… weil ich den Gedanken nicht loswerde, dass sie auf mich gewartet hat, solange sie nur konnte. Wie enttäuscht muss sie gewesen sein, wie unendlich traurig, als sie am Ende ihrer Kräfte den letzten Atemzug getan hat in der Erkenntnis, dass ich nicht kommen werde! Lydia starb im Glauben, dass ich sie nicht mehr liebte. Und ich seh ihre Augen vor mir, aus denen das Leben langsam schwindet, wie sie sterbend nach mir Ausschau hält, bis ihr Blick schließlich bricht.

“Carry you home.” Ich hätt sie nachhause tragen sollen, auf meinen Armen, in denen sie sich so geborgen gefühlt hat. Ich hätt sie nachhause tragen sollen! Atmend. Lebend. An mein Herz gedrückt.

Unseren letzten gemeinsamen Weg, ich geh' ihn noch immer. Ohne sie.

© MISERANDVS 2021-10-14

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