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Der Tinderiator

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Der Tinderiator | story.one

Aufgeregt wippte ich von einem auf das andere Bein. Mehrmals holte ich mein Handy aus der Tasche und checkte die Uhrzeit. Mein Display zeigte 19:10 Uhr an. Zu spĂ€t dachte ich. Er ist zu spĂ€t. Ich konnte UnpĂŒnktlichkeit nicht leiden. Ich selbst gehöre zu dem Typ Mensch, der mindestens eine Viertelstunde vor vereinbarter Zeit am Treffpunkt erscheint. Dennoch versuchte ich gelassen zu bleiben. Er ist es bestimmt wert, kam es mir in meinen Kopf. Automatisch öffnete ich noch einmal die Tinder-App und betrachtete sein Profil.

Max 34, groß, braungebrannt mit blauen Augen, die durch die schwarze Föhnfrisur besonders hervor stachen. Er wirkte sehr nett. Er hatte viele Nachfragen gestellt. Ich war ĂŒberrascht von seiner sympathischen Art, denn bis dato hatte ich nur schlechte Erfahrungen mit Tinder gesammelt. Dieses Mal ist es anders, schwor ich mir.

Wieder kramte ich mein Handy hervor - 19:20 Uhr wurde mir angezeigt. Gerade als ich ihm schreiben wollte, tippte mir von hinten jemand an meiner Schulter. Ruckartig drehte ich mich um und musste schlucken.

Ein kleiner, schmaler, blasser Mann mit krausen Locken und leichten Geheimratsecken schaute mich erfreut an.

“Hi, ich bin der Max” strahlte er und kam sofort auf mich zu, um mich zur BegrĂŒĂŸung in den Arm zu nehmen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Der Mann, der vor mir stand, war nicht der, der auf den Bildern zu sehen war. Dennoch hielt ich mich bedeckt und setze mich mit ihm auf einer der BĂ€nke im Restaurant. Ich gab der Sache eine Chance, schließlich haben wir nett geschrieben.

Doch ich sollte es schnell bereuen. Zwei Stunden lang sprach er nur ĂŒber sich. DarĂŒber dass er die Welt sehen und sich verwirklichen musste. Dass er mit den Aborigines die Geheimnisse Australiens erkunden und nachts unterm Sternenhimmel einschlafen wollte.

Ich bekam keine Zeit zu sprechen. Ich hatte zumindest das GlĂŒck, dass ich zwischendurch atmen durfte. Mein Dasein in diesen Stunden beschrĂ€nkte sich auf nicken und lĂ€cheln.

WĂ€hrend den Stunden rutschte Max immer nĂ€her und nĂ€her zu mir. Auch wenn ich jedes Mal seine Hand subtil zur Seite legte, bahnte er sich immer wieder einen neuen Weg mit dieser, um mein Bein zu streicheln. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Kurz bevor ich von der Bank fiel, sprang ich hastig auf. “Ich muss jetzt los, muss morgen frĂŒh raus.”

Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause. Max schnappte mich jedoch am Arm, zog mich fest an sich, legte seine HĂ€nde um mein Gesicht und schaute mir tief in die Augen. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu lachen. Es kam mir eine Ewigkeit vor, bis er schließlich anfing zu reden: “Du bist eine nette junge Frau, aber ich muss dir unbedingt etwas ans Herz legen. Du musst meditieren. Ich schicke dir eine Mediations-App. Dann kannst du auch den Vibe zulassen und dich auf eine neue GefĂŒhlsebene begeben." Er hielt kurz inne.

“Auch wenn ich dich wahrscheinlich enttĂ€uschen werde, aber das mit uns wird nichts. Du bist zu unentspannt.”

Ich war noch nie so froh ĂŒber diese Worte.

© Lana Kister 2021-10-13

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