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#ausdauer#berufswunsch#klosterschule

Internat - widersprüchliche Gefühle 3 / 3

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Internat - widersprüchliche Gefühle 3 / 3 | story.one

„Was bedrückt dich?“ wollte Mama wissen und streichelte meine Wange. Ich schilderte ihr die unangenehme Situation nach der Rückkehr ins Internat zu Monatsbeginn. Kaum dort angekommen, musste ich das monatliche Schulgeld einer Klosterschwester übergeben, die im Speisesaal mit ihrer Geldkassa auf die Zurückgekommenen wartete. Meine Mama gab mir jedes Mal 1000 Schilling mit, 880 Schilling betrug das Internats- und Schulgeld und die restlichen 120 Schilling brauchte ich für die Busfahrt nach Hause und auch für Schreibsachen oder Bücher.

Meistens waren schon andere Mädchen im Speisesaal, der zum Großteil im Dunkeln lag, um ihr Geld abzugeben. Nur das vordere Licht war eingeschaltet. Dort wo die Schwester saß, war es hell. Im Hintergrund waren schemenhaft Tische und Sessel zu erkennen, wo wir täglich die Mahlzeiten einnahmen. Die Finsternis des großen Raumes wirkte beklemmend auf mich.

Als ich an die Reihe kam, legte ich den Tausend-Schilling-Schein auf den Tisch, Schwester Viktoria, mein Klassenvorstand, steckte ihn in die Kassa und blickte zum nächsten Mädchen. Ich machte mich bemerkbar und sagte schüchtern: „Ich bekomme aber noch Geld zurück.“

„Ich dachte, du spendest das, so wie viele“, war ihre Antwort, die mich fast lähmte. „Das Restgeld ist mein Taschengeld, das ich auch für die Heimfahrt brauche“, erklärte ich. Widerwillig gab sie mir die 120 Schilling. Als ich Mama das erzählte, nahm sie mich in den Arm und tröstete mich: „Mehr kann ich dir wirklich nicht geben“.

Meine Wut über diese Ungerechtigkeit wuchs, denn ich bemerkte, wie unterschiedlich wir Schülerinnen von manchen Schwestern behandelt wurden. Die Töchter von Ärzt*innen oder Lehrer*innen wurden aufgrund des Berufs ihrer Eltern bevorzugt sowie auch jene von Kaufleuten, die Naturalien vor den Lieferanteneingang brachten. Ich, die Tochter von Landwirten, kam mit ausgezeichneten Zeugnisnoten und mit Freude auf das Lernen nach Eisenstadt, das genügte nicht.

“Ich will Lehrerin werden, also muss ich da durch“, war mein Vorsatz. Die Klosterschwester, die Zeichnen unterrichtete, war eine verständnisvolle Lehrerin und Künstlerin. Die Zeichenstunden waren eine Erholung. Der Unterricht der strengen und ernsten Schwester, die Geschichte unterrichtete, begeisterte und prägte mich. Unser Klassenvorstand, Sr. Viktoria, war ein Albtraum. Meist schlecht gelaunt blickte sie mit ihren giftigen grünen Augen über unsere Köpfe und quälte uns im Mathematik- und Physikunterricht. Bei einer Stundenwiederholung in Physik beantwortete ich die Frage, wie ich sie im Heft notiert hatte. Brüsk unterbrach sie mich: „Das hast du nicht gelernt, das ist falsch.“ Betretene Stille. Eine eisigere Stimmung als sonst war im Raum zu spüren. Da stand die Klassensprecherin auf und bemerkte: „Aber das habe auch ich so im Heft stehen. Das war richtig.“

Verärgert über die Entgegnung stellte sie fest: „Was richtig ist, bestimme ich. Das war nicht genügend!“

© Eva Filice 2021-10-13

100 Jahre Burgenland

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