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#flucht#kuss#ersteliebe

Romeo und Julia auf der Flucht

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Romeo und Julia auf der Flucht | story.one

Wir liefen Hand in Hand entlang der Weingärten. Im Augenblick schien die Gefahr entdeckt zu werden, gebannt. In geduckter Haltung huschten wir die Straße entlang. Und da war er wieder, der weiße Ford, der uns seit geraumer Zeit folgte. Eng aneinander gepresst schlugen wir wie Hasen Haken, kamen fast zu Sturz und suchten Zuflucht hinter den ersten flachen Felsen der Heidelandschaft. Mit zitternder Stimme fragte ich meinen Romeo, warum uns sein Bruder folgte. Er gestand mir kleinlaut, er dürfe sich mit mir nicht treffen. Denen daheim sei ich gar nicht recht.

Für die bigotten Montagues war ich anscheinend nicht sittsam genug. Bereits im Kindergarten hieß es, ich wäre ein verpatzter Bub, weil ich mir von den Größeren nichts gefallen ließ. Jetzt, mit 14 Jahren, traf ich mich ganz ungeniert mit den fast erwachsenen Jungs und Mädels beim Milchhaus. Mein Ruf litt dadurch, obwohl meine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sich auf zärtliches Händchenhalten und sehnsuchtsvolle Blicke beschränkten. Auch Mutter Capulet gefiel meine Romanze mit Romeo nicht. Ich war dafür eindeutig zu jung.

Der weiße Ford patrouillierte auf der Straße hin und her. Wir schmiedeten den verwegenen Plan, uns wagemutig direkt hinter dem Auto durchzuschlagen und sich so unserem Ziel, dem alten Badeteich zu nähern. Wir mussten dazu eine von allen Seiten einsichtige Wiese überqueren. Es gelang mühelose. Wir hatten den feindseligen Bruder abgehängt.

Das alte Schwimmbecken lag inmitten zweier Fischteiche. Der modrige Geruch des schlammigen Karpfenbeckens setzte sich in der Nase fest. Gleich dahinter befand sich die Umkleidekabine. Das Gras wuchs dort hoch, niemand hatte es seit dem letzten Sommer gemäht. Durch unsere Schritte schreckte eine Blindschleiche neben meinem rechten Bein auf. Ängstlich hüpfte ich zur Seite und landete direkt in Romeos Armen. Die Türe der Badekabine knarrte beim Öffnen. Drinnen hingen dicke Spinnweben in den Ecken. Unter der Sitzbank hatte jemand sein Handtuch vergessen. Vertrockneter Mäusekot lag verstreut daneben. Gerade als Romeo die Spinnennetze mit dem Ärmel wegwischte und seine Jacke wie ein Kavalier für mich auf der staubigen Bank ausbreitete, ertönte wild eine Autohupe.

„Ich weiß, wo ihr seid. Komm sofort da raus, sonst holst du dir eine Watsche ab“, brüllte der wütende Störenfried.

Zitternd verschlossen wir die Umkleidekabine von innen und schmiegten uns eng aneinander. Es war dunkel, nur durch einige Astlöcher drang Licht und zahlreiche Staubflankerln tanzten in der von Spannung knisternden Luft. Schüchtern legte Romeo seine Arme um mich. Wir sahen uns tief in die Augen. Unsere Nasenspitzen berührten einander und endlich drückte er behutsam seine warmen Lippen auf die meinen. Draußen war es still geworden. Unser Verfolger hatte aufgegeben.

Mit meinem ersten Kuss war es so wie mit der ersten Zigarette, es schmeckte gar nicht wie erwartet, machte aber süchtig und verlangte nach mehr.

© Christa Weißmayer 2021-10-13

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