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#umweltbeobachtung#erheiterndes

Beobachtung am helllichten Tage

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Beobachtung am helllichten Tage | story.one

Heute mache ich eine ausgedehnte Runde mit meinen Einkaufstaschen, um die zur Neige gehenden Vorräte wieder aufzurüsten. Als ich wirklich alles beieinander habe, gehe ich langsam zur Busstation. Den Berg hinauf werde ich diesmal nicht mehr zu Fuß hinter mich bringen, zu schwer sind Rollwagen und Taschen.

Die Anzeigetafel zeigt wider Erwarten noch zehn Minuten Wartezeit. Der Bus hat Verspätung, was ich Ungeduldige überhaupt nicht mag. Da beschließe ich, mich gegen meine sonstige Gewohnheit auf die Wartebank zu setzen, wie alle alten Frauen eben. Das Wetter ist mir entgegen der Ansage gewogen, die Sonne scheint, die Holzbank ist trocken. Bevor mein 26er erscheint, kommt sogar noch zweimal der 27er, der aber ungünstig abbiegt und den ich deshalb nur eine Station nehmen könnte, um dann doch mit meinem schweren Gepäck umsteigen zu müssen. Das lasse ich lieber.

Ganze Heerscharen von Teenagern nach der Schule steigen aus, Burschen und Mädchen quellen an mir vorbei, alle möglichen blonden, braunen, schwarzen, mit kreativen Frisuren und bunten Schultaschen. Bevor sie nachhause gehen, kaufen manche gleich beim Chinesen nebenan Mahlzeiten in kleinen dampfenden Kartonschüsseln. Der ganze Taubenmarkt riecht danach.

An dem Fahrscheinautomaten gleich neben meiner Bank geht es rege zu. Ein gefälliger Mann mittleren Alters, offensichtlich alternativer Lebenshaltung mit drei allerliebsten Kindergartenmädels, macht sich an der Kartenausgabe zu schaffen. Die Kinder sind wie lustige Flöhe, lachen, quatschen und quietschen, dass die Ohren wackeln. Meine. Der Aufpasser der drei Kleinen trägt eine handgehäkelte Mütze, was ich mit Kennerauge konstatiere, normale Jeans, etwas ausgelatschte Sportschuhe und eine Windjacke. Die Kinder wollen alle gleichzeitig das Ticket ausdrucken und in Empfang nehmen, es wird ihnen erklärt.

Da kommt plötzlich eine Sportmaus daher, groß, schlank, ihr Body in schwarzem, windschlüpfrigem Outfit, der Pferdeschwanz wippt hin und her wie der Wedel eines der nordamerikanischen Hirsche mit dem weißen Hinterteil und dem entsprechenden Namen. Ihr Kopf ist erhoben, der Blick richtet sich ins Weite, aus den Ohren wachsen dünne Kabel, wer weiß wohin. Sie ist sich ihrer Erscheinung bewusst. Oder auch nicht. Jedenfalls verreißt's dem Kinderaufpasser mit dem Häkelhäubchen ordentlich den Kopf. Unerwartet, ich hatte ihn nicht als so unkontrolliert eingestuft.

Sensibel, wie er ist, sieht er, dass ich es gesehen habe. Aus seiner Körpersprache ist ersichtlich, dass ihm diese Fernsteuerung peinlich ist. Bemüht, die Situation zu verharmlosen, widmet er sich intensiv den Kindern, die gar nicht darauf aus waren und verwundert dreinschauen. Um auch dieses “Verschauen” zu relativieren, dreht er nun nach mehreren vorbeiziehenden Personen und Autos seinen Kopf. Ich weiß bestimmt, dass er dies vorher nicht getan hat. Die Situation ist köstlich, eine Verwirrung des Seins.

Ich lache in mich hinein.

© Barbara Riccabona 2021-10-13

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