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#überseinegrenzengehen#höhenangst

Gipfelträume

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Gipfelträume | story.one

Bisher habe ich noch keine Sportart länger durchgehalten. Mit dem Gehen ist es anders. Mehrtägige Wanderungen machen mich glücklich. Ich träume von Pilgerwegen und der Entschleunigung. Ich erobere Gipfel, damit ich beseelt hinunterschauen kann. Hier gehe ich auch hin und wieder an meine Grenzen. Vielleicht brauche ich das, um meinen Körper so richtig zu spüren.

So nahm ich auch die Challenge eines Freundes an, eine mehrtägige Bergtour aufs Wiesbachhorn zu machen. Mit etwas Verspätung aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse wanderten wir am ersten Tag zum Schwaiger-Haus. Der Aufstieg war nicht allzu schwierig, ein wenig ausgesetzt und mit rutschigen Felsen, da es den ganzen Vormittag geregnet hatte. Immer wieder sah man den Kapruner Stausee in der Tiefe zwischen den Nebelschwaden auf blitzen.

Der nächste Morgen begrüßte uns mit blauem Himmel und wir begannen unseren Anstieg mit einem Klettersteig. Schon bald mussten wir unsere Steigeisen anlegen und stapften durch den Schnee auf den Gipfel zu, der am Horizont immer wieder zu sehen war.

Wir hatten noch etwa 400 Höhenmeter zu bewältigen, als wir uns für ein Gruppenfoto zusammenstellten. Da blickte ich zum ersten Mal hinter mich und ich sah die Schwaiger Hütte fast senkrecht unter mir. Plötzlich verkrampfte sich alles in mir und ich konnte mich überhaupt nicht mehr bewegen. Sollte ich jetzt den Halt verlieren, würde ich ungebremst 2000 Höhenmeter abstürzen. Die Angst paralysierte mich, ich war komplett erstarrt und griff mit den Händen in den Schnee, als ob ich mich daran festhalten könnte. Auf einmal hatte ich überhaupt kein Vertrauen mehr in meinen Körper, die Angst abzustürzen war übermächtig.

Erst allmählich erinnerte ich mich daran, tief zu atmen. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf meinen Körper. Spürte wie meine Füße fest in den Steigeisen standen. Entkrampfte langsam meine Finger in den Handschuhen und ließ bewusst meine Schultern locker. Endlich konnte ich wieder einen Schritt gehen. Meinen Blick fest auf den Grat vor mir, setzte ich einen Fuß nach dem anderen, bis ich mich wieder geschmeidig und sicher fühlte.

Kurz vorm letzten Anstieg entschied ich jedoch in einer kleinen windgeschützten Senke auf die Gruppe zu warten, während sie ohne mich das Gipfelkreuz erreichte. Ich konnte mir keine weitere Panikattacke leisten, denn hier oben auf dem Berg hatte jeder genug mit sich selbst zu tun. Ich hatte nicht das Gefühl, so kurz vor dem Gipfel aufgegeben zu haben. Eine Seehöhe von 3300m erreicht zu haben, ohne körperliche Schmerzen war für mich bereits sensationell. Meine Bergkameraden zu gefährden, indem ich meine Grenzen nicht respektierte, war keine Option für mich.

Abends bei unserem wohlverdienten Bier waren wir alle voller Stolz und Begeisterung, denn jeder von uns hatte sein persönliches Ziel erreicht.

© Audrey_Süss 2021-10-13

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