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#sprache#stimme#vortrag

Stimmenhören

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Stimmenhören | story.one

Dieser Moment, unmittelbar bevor es losgeht.

Nervosität, ein Blick ins Publikum. Ein Blick aufs Manuskript, nochmal ins Publikum. Einige der Wartenden, die bald Zuhörer sein werden, plaudern noch, andere blicken schon erwartungsvoll zum Podest oder zur Leinwand, auf der noch das Pausenbild prangt. Eine sattgrüne Wiese mit einem Berg im Hintergrund soll … ja was eigentlich? Interesse wecken, beruhigen, einen Wohlfühlmoment erzeugen?

Das Bild wechselt, das Logo der Fachgesellschaft, die die Tagung veranstaltet, ist kurz zu sehen, dann wieder Wechsel zu Wiese und Berg. Einige wetzen schon etwas ungeduldig auf ihren Stühlen, wieder andere scheinen völlig unbeeindruckt nichts von ihrer Umgebung wahrzunehmen, erledigen Telefonate oder tippen eifrig und konzentriert auf die Tastatur ihres Laptops. Ganz vereinzelt verdecken Zeitungen oder Zeitschriften oder gar das Tagungsprogramm ein Gesicht.

Wie lange stehe ich schon hier? Das Zeitgefühl geht völlig verloren. Das Licht im Raum wird abgedunkelt, der Vorsitzende hat das Wort an mich übergeben. Tief Luftholen.

Wie wird meine Stimme klingen? Wird sie laut genug sein, um auch zu den hintersten Sitzreihen zu dringen? Oder wird sie ZU laut sein und einen unangenehmen Hall erzeugen? Wird meine Aufregung als Zittern mitschwingen oder meine Stimme in eine höhere Tonlage heben? Immerhin spreche ich hier in einem völlig anderen Rahmen, zu wesentlich mehr Menschen und in einem viel größeren Raum als ich das gewöhnt bin. Werden Zuhörer, die mich kennen, meine Stimme als vertraut empfinden oder wird sie ihnen verändert, fremd erscheinen? Wie klingt meine Stimme in den Ohren anderer Menschen?

Wenn ich mit mir Unbekannten am Telefon spreche, entsteht unwillkürlich ein Bild von der Person „am anderen Ende der Leitung“. Die Stimmfarbe, aber auch das Sprechtempo, die Sorgfalt der Artikulation, der Atemfluss, die Sprachmelodie und die Akzentuierung lassen einen ersten Eindruck entstehen, vervollständigt wird er durch die Wortwahl und Ausdrucksweise. Wie oft schon musste ich feststellen, dass dieses Bild mit der Realität nur wenig gemeinsam hatte!

Freundlichkeit, Ablehnung, Herzlichkeit, Ärger, Fröhlichkeit oder (Des)Interesse sind mitunter am Telefon - unverfälscht durch optische Eindrücke wie Aussehen, Kleidung und Körpersprache - intensiver und „ungeschminkt“ wahrzunehmen.

Seine Stimme erheben. Ist es nur der Beginn einer Wortmeldung, eines Vortrags, einer Meinungsäußerung, oder ist es ein „sich Erheben“, um für einen anderen Menschen oder eine wichtige Sache einzustehen? Ist es gar das Ausholen zu einem verbalen Schlag oder Rundumschlag? Kann das Erheben der Stimme davor schützen, seine Hand gegen jemanden zu erheben?

Ich komme zum Ende meines Referats. Meine Stimme dürfte bis zu den letzten Sitzreihen gedrungen sein, ein unangenehmes Hallen habe ich nicht vernommen. Applaus. Erleichterung.

© Andrea Weiss 2021-10-13

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