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#flucht#familie#armut

Flüchtlings Grenze

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Kay Haindl

Aus der Ferne konnten sie das Ächzen von kleinen Kindern hören, betrübt vor Verlust und Trauer. In der Luft hing der starke Geruch von ungewaschener Kleidung und Staub. Trotz deren Chaos hatte sich eine lange Schlange von Menschen geformt. Langsam vor Müdigkeit machten sich die Familien voran, wagten es aber nicht, ihre schweren Taschen auf den Boden zu legen. Das kleinste Kind ließ sich von der Mutter tragen, und die ältere Schwester hielt fest die Hand ihres Vaters. “Sind wir endlich da? Ich habe Hunger”, jammerte der Jüngere mit leisem Flüstern. “Bald haben wir’s geschafft, dann kannst du so viel essen wie du willst, das verspreche ich dir”, versuchte die Mutter sanft zu trösten. Gemeinsam sangen sie Lieder, die sie an ihr Zuhause erinnerten. Die Wartezeit dauerte ewig, aber bedächtig näherten sie sich der Grenze.

“Visum oder Einreisegenehmigung”, befahl ernst ein fremder Mann, streckte erwartungsvoll seine Hand aus und blickte auf das ganze verpackte Zeug. “Da sie auch so viel Hab und Gut besitzen, müssen Sie eine Strafe von $200 hier bar bezahlen.” “Aber-” sagte die Mutter. Der Offizier unterbrach: “So ist es hier. Entweder Sie bezahlen die Summe oder Sie dürfen die Grenze nicht betreten.” Die Eltern sahen sich vor Überraschung an. Fieberhaft suchte der Vater in seinen Hosentaschen und den vielen Säcken und sammelte auf seiner Handfläche ein paar rostige Münzen. “Es tut mir leid, ich weiß wirklich nicht wie…” versuchte der Vater zu erklären, als er vom Offizier unterbrochen wurde. “Nehmen Sie Ihre Sachen und gehen zum Wartebereich. Dort werden sie weiter untergebracht.” “Wie lange müssen wir dort warten? Sehen sie, meine Kinder haben Hunger. Wir haben in den letzten Tagen sehr wenig zum Essen gehabt, bitte haben Sie Verständnis,” flehte der Vater, aber ohne Erfolg, denn die nächste Familie wurde schon gebeten hervor zu kommen. Die Familie schleppte ihre Taschen hinter sich her. Kurz bevor sie den Wartebereich erreichten, hörten sie panische Schreie. Übergangslos verfiel alles in absolutes Chaos. Staub versperrte der Menschenmenge die Sicht, und ein lautes Kreischen flog von oben herbei. Überwältigt blinzelte die ältere Schwester hinauf in die Wolken, als unerwartet eine Bombe genau an der Grenze einschlug.

© Kay 2022-06-15

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